Lotus Omega 3.6 Biturbo (1991) – Wenn der Wolf im Schafspelz Zähne zeigt
Willkommen zu einer Zeitreise in die frühen 90er – als Lotus und Opel ein gemeinsames Kind hatten, das ordentlich für Furore sorgte. Der Lotus Omega 3.6 Biturbo ist nicht einfach irgendein Omega, den man beim Nachbarn in der Garage vergammeln sieht. Nein, hier handelt es sich um das extremste Familienauto, das du jemals auf einer deutschen Autobahn überholen sehen wirst – und zwar von links. Der Lotus Omega – die schnellste Serienlimousine seiner Zeit, geboren aus einer verrückten Idee und umgesetzt als das automobile Pendant eines Überraschungseis: außen brav, innen die pure Eskalation.
Dieses Auto richtet sich an Leute, die weniger Lust haben, den siebzigsten M5 oder AMG zu fahren, sondern lieber beim nächsten Oldtimer-Treffen mit echten Geschichten glänzen wollen. Für alle, die die Kombination aus Understatement, britischer Technik-Verrücktheit und deutscher Vernunft lieben und die genau wissen, was eine Plakette mit der Aufschrift „Limited Edition Lotus No. 141“ bedeutet – genau euch spreche ich an.
Und keine Sorge, es wird keine Hommage an verklärte Marketing-Versprechen, sondern ein echter Alltags-Test mit Herz, Spott und jeder Menge Benzin im Blut. Warum sich das Fahren im Lotus Omega wie das Hüten eines ungezähmten Wildtiers anfühlt und was Alltag im Jahr 2024 mit einem 1700-Kilo-Schlachtschiff aus der Rüsselsheimer Forscherwerkstatt bedeutet? Das – und mehr – erwartet euch in diesem Test. Kleiner Spoiler: Am Ende könntet ihr entweder zu Lotus-Fans werden oder euch heimlich wünschen, doch den Omega vom Opa im Schuppen zu reaktivieren.
Das hat uns bewegt – Turbopower und Nostalgie-Flash
Wenn man im Lotus Omega Platz nimmt, fühlt man sich zunächst wie in jedem anderen Omega. Die flotten Sitzwangen, das damals ultramoderne Connolly-Leder und das leicht nachgebende Hartplastik versprühen 90er-Charme, wie man ihn eben liebt oder belächelt. Doch sobald man am Zündschlüssel dreht und der Reihensechszylinder zum Leben erwacht, verwandelt sich der brave Alltagswagen in ein echtes Raubtier.
Im Vergleich zu seinen damaligen Rivalen – M5, Mercedes 500E, ja sogar den Ferrari Testarossa – sticht der Lotus Omega vor allem mit unfassbarem Durchzug hervor. 17,3 Sekunden auf 200 km/h – das war damals nicht nur schnell, das war eine Frechheit! Der Mythos lebt besonders von diesem Gefühl: Ich könnte, wenn ich wollte! Dabei trägt das Auto sein Understatement wie eine Ritterrüstung zur Schau. Kaum jemand erkennt auf den ersten Blick, welch Biest sich unter dem imperialgrünen Lack versteckt.
Der Alltag? Ja, die Kupplung fordert Oberschenkel, die Ersatzteile deine Kreditkarte, und der Verbrauch ist mit „zweistellig“ noch charmant umschrieben. Aber ganz ehrlich: So ein Auto fährt man nicht, weil’s günstig ist. Sondern, weil jeder Kilometer eine Hommage an eine vergessene Ära ist – und weil es heute kaum noch solche Autos gibt, die dich angucken, als wollten sie wissen: „Na, traust du dich?“
Exterieur – Der böse Bube in imperialem Grün
Optisch ist der Lotus Omega der Wolf im Schafspelz schlechthin. Wer mit ihm an der Ampel steht, sieht vor allem: einen Omega. Ok, Fachleute entdecken das „Imperial Green“, das nur zu Lotus gehörte – mal schwarz, mal tiefgrün, je nach Lichteinfall ein echter Chameleon-Lack. Dazu die sportlich ausgestellten Rathäuser und der feststehende Spoiler, die dem Ganzen einen tourenwagenartigen Touch verpassen.
Die 17-Zoll-Räder wirken heute fast niedlich, damals waren sie schon amtlich. Hinter den Felgen lugen massige Bremsen hervor – ein weiterer Hinweis: Hier geht’s nicht nur um Shoppingtrips. Die Endrohre: quadratisch, praktisch, gut. Die Lotus-Schriftzüge überall sind dezent genug für Kenner, aber auffällig genug, dass auch der letzte AMG-Fahrer versteht: Lass mal lieber.
Interieur – Mittelklasse mit britischem Luxus-Akzent
Innen bleibt das Grundlayout Omega A, garniert mit einer Portion Lotus-Charme. Wer sich reinsetzt, wird von fest ausgeformten, lederbezogenen Sitzen empfangen – Connolly-Leder, damals State of the Art, heute ein Mythos (aber die Firma gibt’s nicht mehr, kleine Ironie am Rande). Die Mittelkonsole, das Armaturenbrett, alles fühlt sich nach solider, deutscher Mittelklasse an. Hier knarzt nichts über Gebühr, doch Spaltmaße wie im Jahr 2024? Naja.
Dafür blitzt überall das Lotus-Logo. Sogar im Kombiinstrument mit Tacho bis 300 – mehr als Show für den Stammtisch ist selten nötig. Lichtdurchflutet dank Schiebedach und mit ein bisschen Alcantara an den Türen fühlt man sich nicht schlecht – aber auch nicht wie im Spaceship. Die Ablagen? Lässig konsequent nicht vorhanden. Dosenhalter waren damals wohl noch optionale Science Fiction.
Bedienung – Drehen, drücken, analog genießen
Bedienphilosophie? Analoger kann’s kaum werden. Grobe Kippschalter, echte Drehregler für die Uhr und sogar die Spiegel – elektrisch verstellbar, aber mit so viel Charme wie ein alter Gameboy. Die Fensterheber in der Mitte, Kindersicherung – wie früher eben. Menüführung? Wer braucht Menüs? Man weiß immer, woran man ist, weil’s einfach kein Menü gibt. Das einzige Display ist dein Tacho, und der zeigt 300 – reicht fürs Ego.
Einziger Ausreißer in unserer Testlaune: Das nachgerüstete Kenwood-Radio. Ist King für Hörer von Kassette, aber für Puristen: nur original ist legal! Wen die kleine Plastikholzblende stört, der ist wohl auch nur in einen britischen Pub gegangen, um sich über den Fußboden zu beschweren.
Praktikabilität – Platz satt, aber nicht für alles
Man möchte es kaum glauben, aber Praktikabilität kann der Omega auch als Lotus. 520 Liter Kofferraum – da fiel früher der Familienurlaub nicht unter Minimalismus. Die Rückbank bietet ausreichend Platz, das Raumgefühl ist vorne wie hinten sehr gut. Und: Endlich weiß man immer, wo das Auto aufhört – Spoiler sei Dank.
Kritik muss sein: Ablagen sind in deutschen 90er-Limousinen sowieso Mangelware – der Lotus ist da keine Ausnahme. In der Mitte? Nichts. In den Türen? Nichts. Im Sitz? Auch nichts. Wer da mit halbem Getränkemarkt ankommt, sollte Beifahrer oder Rücksitze fest einplanen.
Fahrverhalten – Straff, hart, brutal – mit hohem Suchtpotenzial
Jetzt zum Herzstück: Wie fährt sich das Biest? Startknopf gibt’s keinen, aber schon das Drehen des Schlüssels lässt mich kurz Ehrfurcht spüren. Der 3,6-Liter-Reihensechszylinder – eigentlich ein 3-Liter, von Lotus aufgerüstet und doppelt aufgeladen – legt souverän los. Unter 2500 Touren passiert erst mal (gefühlt) nichts. Dann aber: Beide Lader melden sich abrupt dienstbereit. Zack – als hätte dir einer den Hut vom Kopf gepustet.
Die Lenkung – für Omega-Verhältnisse direkt und ehrlich. Federung? Hart, aber nicht ungemütlich, es sei denn, du willst stundenlang durch Stop-and-Go. Die Kupplung ist ein Muskelspiel, nichts für zarte Füße. Geräuschkulisse? Immer präsent, immer voller Vorfreude auf den nächsten Gangwechsel.
Auf der Landstraße fühlt sich die Limousine straff und fast schon leichtfüßig an. Seitenneigung? Kennt der Lotus Omega nicht. Schnelle Autobahnkurven sind sein Wohnzimmer. Aber Vorsicht: Die 377 PS (oder auch mal mehr, je nach Standpunkt oder Toleranz der Messmethode) hängen gierig am Gas, wie Jugendliche am Ladekabel – sobald die Turbos on fire sind, gibt’s keinen Zweifel mehr, dass hier auch Testarossas einst ins Schwitzen kamen. Hilfssysteme wie ESP? Fehlanzeige. Wer hier zu früh drauflatscht, erlebt die Hinterachse schneller, als ihm lieb ist.
Und wie sieht der Alltag aus? Wer auf Komfort wie im 500E hofft, wird enttäuscht. Der Lotus Omega will dich spüren lassen, dass du tatsächlich fährst – und das mit Hingabe.
⚙️ Technische Daten
- Modell: Lotus Omega 3.6 Biturbo
- Baujahr: 1991
- Motor: 3,6-Liter Reihensechszylinder, 24V, Biturbo (Basis: Opel C30SE, umgebaut von Lotus/ Cosworth)
- Getriebe: 6-Gang-Handschalter (ZF Getriebe, wie in der Corvette ZR1)
- Antrieb: Hinterradantrieb
- Leistung: 377 PS / 277 kW (Werk), inoffiziell oft mehr – Streuung nach oben wahrscheinlich
- Drehmoment: 568 Nm
- Gewicht: 1690 kg
- Höchstgeschwindigkeit: 270–283 km/h (Abhängig von Quelle)
- 0–100 km/h: Werk: 5,4 Sek.; gemessen: 4,9 Sek.
- Verbrauch (kombiniert): 11,5 l/100 km (Herstellerangabe, Praxis wohl eher mehr)
- Preis (Basis/Testwagen): 1991: 125.000 DM / aktuell: ca. 50.000 € und mehr (je nach Zustand)
🔝 Top 5 – Was richtig gut ist
- Fährt Serienlimousinen von einst gnadenlos in Grund und Boden.
- Understatement par excellence – niemand erwartet einen Blitzstart aus dem Omega.
- Kofferraumvolumen? Familie und Getränkekisten klatschen Beifall!
- Technikhighlights zum Anfassen – alles direkt, kein Plastikdeckchen.
- Der Mythos und der Seltenheitswert – weniger als 1.000 Stück gebaut!
🙈 Flop 5 – Was nicht so toll ist
- Ersatzteile kosten dich mehr als das letzte Karibik-Urlaubs-Paket.
- Ablagen?
- Die Kupplung trainiert Oberschenkel, spart aber alle, die nur city cruisen wollen, Zeit fürs Studio.
- Komfort? So straff, dass Massagesitze zur Modeerscheinung werden konnten.
- Spritverbrauch? Lass uns gar nicht erst anfangen.
Fazit & Score – Der (wirklich) legendärste Opel aller Zeiten
Der Lotus Omega ist tatsächlich der berühmte Wolf im Schafspelz und noch viel mehr – ein Denkmal für das, was deutsche Ingenieurskunst mit einer ordentlichen Portion britischem Wahnsinn erschaffen kann. Für Sammler, Petrolheads und Leute, die wirklich was zu erzählen haben wollen, ist dieses Auto pures Gold. Aber: Er verlangt Pflege, Know-how und eine gesunde Portion Respekt. Man sollte ihn fahren, wie man eine Legende fährt – mit Herz, Verstand und einem Grinsen im Gesicht, wenn der Turbo loslegt.
Mein Car Ranger Score: 63 von 100 Punkten
📹 Zum Video
Hier geht’s zum Video: https://youtu.be/ghlmCXFCaY0
Transparenz
Dieser Text basiert auf dem Video, welches am 30.05.2020 zuerst veröffentlicht wurde.
