BMW 850i E31 – Der Herrscher der Coupé-Lüfte aus den 90ern

Wo beginnt man bei einem BMW 8er E31? Am besten bei einem kleinen „Wow!“, das spätestens aufkommt, wenn man die mächtige, lagunengrüne Erscheinung vor sich sieht. Als Kind habe ich Autos wie dieses im Vorbeifahren als UFOs abgestempelt. Heute stehe ich selbst davor – und frage mich: Ist das Ding immer noch ein Traum, oder zerplatzt er im harten Alltags-Realitätscheck? In einer Zeit voller Touchscreens, Einparkhilfen und den immer gleichen grauen Kombis gibt es sicher bessere „Tools“ für die Rush Hour, aber weniger für echte Begeisterung. Genau darum soll es hier gehen. Was macht der einst teuerste BMW der 90er heute? Was kann er, und – noch viel wichtiger – was kann er nicht (mehr)?

Im Testbericht nehme ich Euch ehrlich mit: Von Design-Ikonen, echten Schwächen mit Augenzwinkern bis dahin, dass man ihn vielleicht eher mit Herz als mit Verstand kauft. Am Ende steht die Frage, ob der E31 trotz seiner Schwächen ein modernes Fahrerherz höherschlagen lässt. Eins ist schon jetzt klar: Wenn dieser 8er vorfährt, wird es für eine Sekunde wieder 1992 – zumindest im Kopf.


Das hat uns bewegt – Coupé statt Cabrio, Charme statt Carbon

Der BMW 850i E31 polarisiert schon auf den ersten Blick. Er sieht aus wie der Chef, für den im Büro immer ein Parkplatz freigehalten wird – nur eben auf der Straße. Die endlos wirkende Motorhaube, das knallige Lagunengrün und diese legendären Klappscheinwerfer schreien „Ey, ich bin gekommen, um zu bleiben!“. Dabei macht er gar keinen Krawall – und genau das ist sein Charme. Subtil, aber deutlich, setzt sich das Dickschiff von der heutigen Fließband-Einheitsbrei ab.

Klar, in Echtzeit fährt er sich eher wie ein Gran Turismo aus dem Bilderbuch – ein echter Gleiter mit V12-Seele. Nicht aggressiv, sondern majestätisch. Fühlt sich der 850i modern an? Naja, maximal im Sinne von Nostalgie. Technik, Platzangebot und Unterhalt zeigen schnell ihre Kanten. Aber gerade diese Ecken machen ihn aus; seine Verarbeitung, seine Lederlandschaften und die kleinen Macken – wie Wischwassertank im Kofferraum – sorgen für Anekdoten statt Frust. Wer ihn zu schätzen weiß, bekommt etwas, das in aktuellen BMWs längst Nischenprogramm ist: Wohlfühlcharakter mit Sammlerpotenzial. Ein Auto für Genießer, die auf Perfektion und Assistenzsysteme pfeifen. Wer lieber sein Navi befragt, als zu cruisen, ist hier falsch. Ich sag’s mal so: Nach der Fahrt möchte ich ihn am liebsten gar nicht wieder abgeben – und fühle mich trotzdem in echt guten Händen, selbst ohne Mütze, Windschott und Touchdisplay.


Exterieur – Zeitreise im Lagunengrün

Das Design des BMW 850i E31 ist „Kante mit Kurve“ – und zwar mit Stil. Die Nieren sind kleiner als meine Handfläche (man stelle sich das bei aktuellen BMWs mal vor), die Klappscheinwerfer könnten direkt aus einem Science-Fiction-Film stammen und die Alpinafelgen machen das Erscheinungsbild einfach nur rund. Die Linie? Mehr Coupé geht kaum, 4,78 Meter lang, beeindruckende 1,86 Meter breit – ein Koloss, aber ohne jedes Aufschneidergehabe. Die Farbe Lagunengrün? Puristentreff und Neidobjekt in einem. Hier stimmt für mich tatsächlich jedes Detail: Der Hofmeisterknick sieht nicht nur gut aus, sondern offenbart sogar eine B-Säulen-freie Türgestaltung – das bekommt heute kaum noch ein Hersteller hin. Hinten vier eckige Endrohre, imposant breite Rückleuchten und eine Heckansicht, die für Aufsehen sorgt, ohne zu protzen. Fazit: Optisch absoluter Chef im Ring – und das auf jedem Parkplatz.


Interieur – Leder für die Seele, Sitzkomfort für die Langstrecke

Im Innenraum heißt es „Leder, Leder und – ach ja, noch mehr Leder!“. Wer damals 24.000 Mark übrig hatte, konnte alles in Leder ausstatten lassen – heute wäre das eher ein Drittwagen. Schon der Türgriff fühlt sich nach mehr an, das Armaturenbrett umschmeichelt einen förmlich und die Integralsitze samt schwebender Kopfstütze laden zum Verweilen ein. Die Platzverhältnisse? Vorne ein Gedicht! Hinten eher… naja, 2+2 heißt eben: Zwei Vordersitze für Erwachsene, zwei Rücksitze für den Notfall oder Kleinstpersonen. Original verpackte Erste-Hilfe-Kästen und Leseleuchten inklusive. Das Cockpit präsentiert BMW-Kultdesign pur: alles logisch, alles fahrerorientiert, auch wenn ein Senior-Bordcomputer mit Pixelfehler zum guten Ton gehört. Das Gefühl: Hier thront man, ohne abgehoben zu sein – wohl eher wie ein respektvoller Gastgeber im eigenen Wohnzimmer.


Bedienung – Tasten-Paradies statt Touchspielplatz

Im 8er gibt es Tasten – viele Tasten. Und Knöpfe. Schalter. Hier regiert noch ehrliche Mechanik. Klimabedienung? Übersichtlich. Bordcomputer mit Verbrauchsanzeige? Klar, aber nur, wenn das Display keinen Pixel-Bournout hat. Getränkehalter gibt es übrigens (überraschend!) im geteilten Handschuhfach – eine kleine, aber feine Kuriosität. Einen Funkschlüssel gab es beim 850i als erstes BMW-Modell, und das war’s dann auch mit digitalem Schnickschnack. Menüführung? Nach 23 Sekunden weiß man, was die wichtigsten Schalter sind. Alles ist griffig, logisch und irgendwie charmant oldschool. Technikpioniere, denen der Touch fehlt, werden schmunzeln, alle anderen sind einfach froh, dass man alles im Griff hat. Wortwörtlich.


Praktikabilität – Kofferraumwunder und Wellnessoase für zwei

Alltag im 8er? Ein bisschen wie Wellness im Spa-Hotel: Für zwei ist alles top! Die Vordersitze verwöhnen, der Kofferraum bietet 320 Liter, das Werkzeug ist vollständig (inklusive dem legendären blauen Tuch!) und das Bordbesteck ist Premium. Allerdings ist die Kofferraumöffnung so schmal, dass der Wochenendeinkauf zum Tetris-Spiel wird. Sitzlehne umklappbar? Ja, zumindest kann man die Lehne nach vorne legen – optimal, um empfindliche Koffer stilvoll zu verstauen. Familienauto? Eher nein, Kindersitze? Vielleicht, aber nur mit Humor und Geduld. Dafür punkten kleine Details: von der Batterie im Heck (für bessere Gewichtsverteilung) bis zum clever platzierten, riesigen Wischwasserbehälter. Unterm Strich: Viel Charme, wenig Alltag – aber Stil satt.


Fahrverhalten – Gleiter mit V12-Herz, Sanftmut statt Sportmodus

Fahren im BMW 850i E31 ist wie eine Zeitreise in die Oberklasse der frühen 90er – aber mit 300 PS unter dem Hintern. Der V12 startet seidig, läuft kultiviert und hat mehr Drehmoment als die meisten neuen E-Autos. Die 1790 Kilo Leergewicht vergisst man beim lässigen Cruisen, denn das Fahrwerk ist auf Komfort getrimmt. Lenkung? Direkt genug für die Landstraße, aber nie hektisch. Komfort? Über alle Zweifel erhaben. Wer sportlich will, greift besser zum CSI, denn hier verführt die Automatik zum Gleiterdasein – 6,8 bis 7,4 Sekunden auf 100, abgeregelt bei 250 km/h. Die EDC-Dämpfer sorgen für Fahrmodi zwischen „Komfort“ und „Sport“, wobei letzteres eher „komfortable Sportlichkeit“ ist. Der Motor zieht auf Drehzahl kräftig, aber der Sound bleibt dezent – ab 3500 Umdrehungen kommt Leben rein, aber das muss man gar nicht. Lärmpanorama? Eher Reifengeräusche, Wind und Kommentare vom Beifahrer statt V12-Gebrabbel. Fazit: Queen-Size-Couch auf Rädern – entspannt, leise und mit jeder Menge Understatement. Wer den 8er in der Kurve prügeln möchte, hat die falsche Philosophie – cruisen, genießen, ankommen heißt die Devise.


⚙️ Technische Daten

  • Modell: BMW 850i E31
  • Baujahr: 1992
  • Motor: V12, 5,0 Liter
  • Getriebe: 6-Gang Handschalter oder 4-Gang Automatik (Testwagen ist Automatik)
  • Antrieb: Heckantrieb
  • Leistung: 300 PS (220 kW)
  • Drehmoment: 450 Nm
  • Gewicht: 1790 kg
  • Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h (abgeregelt)
  • 0–100 km/h: 6,8 (Handschalter) / 7,4 Sekunden (Automatik)
  • Verbrauch (kombiniert): 13,7–15 l/100 km (Langzeit; Werksangabe 14 l)
  • Preis (Basis/Testwagen): ca. 149.000 DM; mit Extras: bis 200.000 DM und mehr

🔝 Top 5 – Was richtig gut ist

  1. Absoluter Hingucker – UFO-Status auf jedem Parkplatz garantiert.
  2. Lederlandschaft deluxe, integrale Sitze und echtes Cockpit-Feeling.
  3. Unübertroffener Cruiser-Komfort auf Langstrecke.
  4. Zeitlose Alpina-Felgen und ikonisches Lagunengrün.
  5. V12-Seidigkeit mit Understatement – Kraft ohne Proll.

🙈 Flop 5 – Was nicht so toll ist

  1. Rückbank? Nur für Kinder, Koffer oder sehr biegsame Erwachsene.
  2. Ersatzteile und Elektronik: teuer, selten – und manchmal ein Abenteuer.
  3. Verbrauch – „Premium“ gilt auch an der Tankstelle.
  4. Der Kofferraum: groß, aber eng bestückt wie Opas Dachboden.
  5. Klappscheinwerfer sind Kult – außer, sie gehen kaputt.

Fazit & Score – Nur mit Herz, nicht mit Verstand zu genießen

Der BMW 850i E31 bleibt eine faszinierende Kiste – voller Historie, voller Design-Schmankerl und mit mehr Leder als ein bayerisches Wirtshaus. Sicher, dieses Auto möchte man wohl eher mit Herz als mit Ratio kaufen – und am besten auch mit einem kleinen Schuss Nostalgie im Tank. Wer die Schwächen liebevoll in Kauf nimmt, wird mit einem wirklich einzigartigen Fahrgefühl belohnt und bekommt einen täglichen Grund, sich aufs Einsteigen zu freuen. Für Familienausflüge, Sparfüchse und Technik-Nerds ist der 8er nichts, aber für Genießer, Sammler und Stil-Enthusiasten ein echtes Highlife. In meinem ganz persönlichen Score schlägt der E31 jeden aktuellen M2 – und das will was heißen.

Bewertung im Video: 69 Punkte insgesamt


📹 Zum Video

Hier geht’s zum Video: https://youtu.be/RU3LPqx2r1E

Transparenz

Dieser Text basiert auf dem Video, welches am 20.06.2019 zuerst veröffentlicht wurde.